Zum ersten Mal seit Beginn der Messungen konsumieren in Frankreichs Suchteinrichtungen mehr Menschen Kokain als Cannabis. Fast zwei Drittel davon rauchen es als Crack oder Freebase, die Hälfte kombiniert es mit Alkohol. In der Schweiz zeigen Abwasseranalysen, Drug-Checking-Stellen und die Behörden dieselbe Richtung: Kokain ist so verbreitet und so rein wie nie, und Crack ist in den Städten angekommen.

Dieser Beitrag ordnet die neuen Zahlen ein, erklärt, warum die geräuchte Form und die Kombination mit Alkohol das Risiko vervielfachen, und zeigt, welche Tests welchen Konsum sichtbar machen. Die Grundlagen zu Wirkung und Abbau finden Sie im Beitrag Eigenschaften von Kokain.

Frankreich 2025: Kokain überholt Cannabis

Die Erhebung OPPIDUM der französischen Arzneimittelbehörde ANSM befragt jährlich Personen in Suchtberatungsstellen, Anlaufstellen, Spitälern und Gefängnissen. 2025 waren es 5’571 Personen aus 324 Einrichtungen. Die Zahlen beschreiben diese Gruppe, nicht die Allgemeinbevölkerung, und sie sind gerade deshalb ein Frühwarnsystem.

  • 39 Prozent der Befragten konsumieren Kokain, 10 Prozent mehr als 2024. Cannabis kommt auf 35 Prozent. Die ANSM spricht von «nie erreichten Konsumniveaus».
  • 63 Prozent konsumieren die geräuchte Form, also Crack oder Freebase. 2024 waren es 56 Prozent.
  • 34 Prozent konsumieren täglich, 54 Prozent geben eine Abhängigkeit an.
  • In fast der Hälfte der Fälle wird Kokain zusammen mit Alkohol konsumiert.
  • 36 Prozent der Personen in Methadon-Behandlung konsumieren zusätzlich Kokain (2024: 32 Prozent). Die ANSM warnt vor Herzrhythmusstörungen.

Die Todesfallstatistik DRAMES ergänzt das Bild: 2024 war Kokain in 222 von 659 direkten Drogentodesfällen beteiligt, rund ein Drittel. Das ist etwas weniger als im Vorjahr, Kokain bleibt aber nach Methadon die zweithäufigste Substanz. Die Kombination Methadon plus Kokain ist die häufigste bei Todesfällen mit mehreren Substanzen.

Schweiz: Zürich, Lausanne und Chur an der Spitze

Kokain ist in der Schweiz die am zweithäufigsten konsumierte illegale Droge. Laut Schweizerischer Gesundheitsbefragung 2022 haben 6,2 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren schon einmal Kokain konsumiert, 1 Prozent in den letzten zwölf Monaten, Männer (1,4 %) doppelt so oft wie Frauen (0,7 %). Am häufigsten ist der Konsum bei den 20- bis 34-Jährigen. Sucht Schweiz hält fest, dass der Konsum seit 2012 zugenommen hat.

Die Abwasseranalysen präzisieren das:

  • Im Städtevergleich 2024 wiesen Lausanne, Zürich und Chur die höchsten Kokainwerte pro Kopf auf.
  • Europaweit stiegen die Kokainrückstände zwischen 2024 und 2025 um rund 22 Prozent, in 48 von 85 Städten wurde mehr gemessen. Das zeigt die Auswertung der EU-Drogenagentur EUDA.
  • Die Eawag misst zusätzlich einen Marker (AEME), der beim Rauchen von Kokain entsteht und damit Crack-Konsum anzeigt. Die Werte sind im ersten Halbjahr 2025 deutlich gestiegen, besonders in Zürich und Chur, mit Spitzen am Wochenende.

Die Eidgenössische Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention (EKSN) beschreibt, wie sich der Crack-Konsum im öffentlichen Raum ausgebreitet hat: 2022 zunächst in Genf, 2023 in Zürich, Basel und Lausanne, aber auch in Luzern, Chur, Brugg und Solothurn. Die Kommission fordert niederschwellige Schadensminderung, neue Behandlungsformen und ein besseres Monitoring.

Auch die Qualität hat sich verändert. Das Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich analysierte 2024 insgesamt 4’022 Proben, rund ein Drittel davon Kokain. Der Reinheitsgrad wird als «sehr hoch» beschrieben, gleichzeitig enthielt fast ein Drittel der Proben Procain oder Koffein als Streckmittel. In der Infodrog-Befragung von Partygängern 2025 hatten 18 Prozent in den letzten 30 Tagen Kokain konsumiert, und 17 Prozent aller im Drug Checking eingereichten Proben waren Kokain. Was Streckmittel wie Levamisol anrichten, erklärt der Beitrag Gestrecktes Kokain: Toxikologische Gefahren und Risiken.

Pulver oder Stein: Warum Crack anders wirkt

Chemisch sind Kokainpulver (Kokainhydrochlorid) und Crack oder Freebase (Kokainbase) dieselbe Substanz. Der Unterschied liegt im Konsumweg. Geschnupft setzt die Wirkung nach etwa drei Minuten ein, geraucht innert Sekunden. Der Rausch ist beim Rauchen intensiver, aber deutlich kürzer, und der anschliessende Absturz heftiger. Die EU-Drogenagentur beschreibt Kokain als Substanz mit «starker verstärkender Wirkung, die eine rasche psychische Abhängigkeit verursacht, ein Effekt, der bei Personen, die Kokainbase rauchen, noch ausgeprägter ist». Sucht Schweiz ergänzt, dass Crack und Freebase auch körperliche Abhängigkeit verursachen können.

Der Wechsel vom Schnupfen zum Rauchen ist deshalb kein Detail, sondern ein Warnsignal. Die OPPIDUM-Daten zeigen, dass in Frankreich innerhalb eines Jahres der Anteil der geräuchten Form von 56 auf 63 Prozent gestiegen ist. Für die Schweiz fehlen vergleichbare Zahlen, der Abwassermarker der Eawag zeigt aber in dieselbe Richtung.

Kokain und Alkohol: Die unterschätzte Kombination

Dass die Hälfte der Kokainkonsumierenden gleichzeitig Alkohol trinkt, hat pharmakologische Folgen. Werden beide Substanzen zusammen abgebaut, bildet die Leber Cocaethylen. Dieses Molekül wirkt ähnlich wie Kokain, hat aber eine längere Halbwertszeit, rund zwei Stunden statt 45 bis 90 Minuten, und belastet das Herz stärker. Eine Übersichtsarbeit im Fachjournal Cureus (2022) beschreibt Cocaethylen als kardiotoxischer als Kokain allein und bringt es mit Herzmuskelschäden und Herzstillstand in Verbindung.

Dazu kommt der Maskierungseffekt, den Infodrog beschreibt: Das Stimulans überdeckt die dämpfende Wirkung des Alkohols, man fühlt sich nüchterner, als man ist, und trinkt weiter. Lässt die Kokainwirkung nach, schlägt der Alkohol voll durch. Bei Personen in Methadon-Behandlung kommt das Risiko von Herzrhythmusstörungen hinzu, das die ANSM ausdrücklich nennt. Weitere riskante Kombinationen behandelt der Beitrag Mischkonsum: Welche Kombinationen besonders riskant sind.

Gesundheitliche Folgen im Überblick

Sucht Schweiz fasst die Wirkung so zusammen: Kokain erhöht Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur, unterdrückt Hunger und Durst und löst Euphorie, gesteigerte Kontaktfreudigkeit und Allmachtsgefühle aus. Nach dem Abklingen folgt der «Crash» mit Müdigkeit und Niedergeschlagenheit. Bei chronischem Konsum drohen Herz-Kreislauf-Schäden, Psychosen, Reizbarkeit, Unterernährung und, beim Rauchen, chronische Bronchitis. Eine Überdosis kann bei Erstkonsumierenden ebenso wie bei Dauerkonsumierenden tödlich sein.

Nachweis: Welcher Test welchen Konsum zeigt

Kokain wird im Körper rasch zu Benzoylecgonin abgebaut. Alle Tests weisen diesen Metaboliten nach, unabhängig davon, ob geschnupft oder geraucht wurde. Ein Urintest kann Pulver und Crack deshalb nicht unterscheiden.

  • Urin: Der Teststreifen für Kokain (Sensitivität 100 ng/ml) erfasst Konsum der letzten zwei bis vier Tage, bei regelmässigem Konsum bis zu einer Woche und länger. Für einen unklaren Verdacht eignet sich der Multitest für 10 Drogenarten, der Kokain, Methadon, Benzodiazepine und weitere Substanzen gleichzeitig prüft. Details in der Übersicht zur Nachweisdauer von Drogen.
  • Speichel: Der Speicheltest für 9 Drogenarten zeigt kürzlichen Konsum, etwa nach einem Wochenende.
  • Substanz: Der DrugCheck Kokain und Crack prüft, ob eine Probe Kokain oder Crack enthält, der Kokain-Reinheitstest schätzt den Reinheitsgrad. Beide identifizieren keine Streckmittel; dafür sind die Drug-Checking-Angebote der Städte zuständig, siehe Drug-Check in der Schweiz.
  • Oberflächen: Das Kokain-Wischtuch macht Spuren auf Tischen, Karten oder Geldscheinen sichtbar.
  • Haar: Die Haaranalyse Kokain weist Kokain und seine Metaboliten über Monate nach, je nach Haarlänge, und wird als Voruntersuchung bei Fahreignungsabklärungen genutzt. Die Analyse erfolgt mit LC-MS/MS im akkreditierten Partnerlabor, das den Befund verbindlich beurteilt. Was der Befund vor Gericht wert ist, erklärt der Beitrag Haaranalyse vor Gericht.

Was Angehörige tun können

Typische Anzeichen sind auffällige Wachheit und Redseligkeit im Wechsel mit Erschöpfung und Gereiztheit, Nasenprobleme, Geldabflüsse, bei Crack zusätzlich verbrannte Lippen oder Finger, Pfeifen und Alufolie. Ein Test klärt, ob ein Verdacht begründet ist, aber nicht, wie es weitergeht. Für das Gespräch danach gibt es in der ganzen Schweiz Suchtberatungsstellen, online über safezone.ch. Wer selbst konsumiert, findet in den Drug-Checking-Angeboten von Zürich, Bern, Basel, Biel, Luzern, Genf und Lausanne kostenlose Analysen und Beratung.

Häufige Fragen

Ist Crack gefährlicher als Kokainpulver?

Die Substanz ist dieselbe, der Konsumweg nicht. Rauchen führt zu einem schnelleren, kürzeren und intensiveren Rausch und damit zu häufigerem Nachlegen und rascherer Abhängigkeit.

Warum ist die Kombination mit Alkohol so riskant?

Die Leber bildet Cocaethylen, das länger wirkt als Kokain und das Herz stärker belastet. Zudem überdeckt Kokain die Alkoholwirkung, was zu mehr Konsum führt.

Kann ein Test zwischen Kokain und Crack unterscheiden?

Urin-, Speichel- und die üblichen Haaranalysen nicht, sie messen dasselbe Abbauprodukt. Substanztests unterscheiden Pulver von Stein.

Wie lange ist Kokain nachweisbar?

Im Urin meist zwei bis vier Tage, bei regelmässigem Konsum länger, im Speichel ein bis zwei Tage, im Haar über Monate.

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Quellen