Die wenigsten Drogentodesfälle gehen auf eine einzige Substanz zurück. Die französische Todesfallstatistik DRAMES, die grösste ihrer Art in Europa, zeigt Jahr für Jahr dasselbe Muster: Tödlich wird es meist dann, wenn zwei oder mehr Substanzen zusammenkommen, die sich gegenseitig verstärken oder überdecken. Auch in der Schweiz mischen drei von vier Partygängern, und bei Jugendlichen ist die Kombination von Medikamenten und Alkohol verbreiteter, als viele Eltern vermuten.
Dieser Beitrag erklärt, welche Kombinationen besonders riskant sind und warum, was die neuen Daten aus Frankreich und der Schweiz dazu sagen und woran Angehörige Mischkonsum erkennen können.
Was Mischkonsum ist
Infodrog, die Schweizerische Koordinations- und Fachstelle Sucht, definiert Mischkonsum als «die gleichzeitige oder zeitnahe Einnahme von zwei oder mehreren psychoaktiven Substanzen, sodass sich die Wirkungen überlagern». Dazu zählt der Joint zum Bier ebenso wie die Schlaftablette nach dem Kokain. Entscheidend ist nicht die Zahl der Substanzen, sondern ihr Zusammenspiel: Dämpfende Substanzen addieren sich, Stimulanzien und Dämpfer verdecken sich gegenseitig, und beides kann in einer Überdosierung enden.
Was die Todesfallstatistik zeigt
DRAMES erfasst in Frankreich seit 2002 Todesfälle, bei denen Rechtsmediziner und Toxikologen psychoaktive Substanzen als Ursache nachweisen. Für 2024 wurden 718 Todesfälle ausgewertet. Die Verstorbenen waren im Schnitt 39 Jahre alt, 79 Prozent Männer, 62 Prozent starben zu Hause. Drei Befunde betreffen den Mischkonsum direkt:
- Methadon und Kokain ist die häufigste Kombination bei Todesfällen mit mehreren Substanzen. Methadon war in 280 Todesfällen beteiligt, das entspricht 3,9 Todesfällen pro 1’000 Behandelte, 6,5-mal mehr als bei Buprenorphin (0,6 pro 1’000).
- GHB/GBL war an 17 Todesfällen beteiligt, überwiegend zusammen mit synthetischen Cathinonen und im Kontext von Chemsex.
- Pregabalin taucht in den Todesfällen «weiterhin überwiegend in Verbindung mit Opioiden» auf.
Alkohol spielt eine Nebenrolle mit Hauptwirkung: Von den Verstorbenen mit dokumentierter Vorgeschichte hatten 42 Prozent eine Alkoholproblematik, und bei den 59 indirekten Todesfällen, etwa durch Ertrinken oder Stürze, war in 31 Fällen Alkohol im Spiel.
Die Befragung OPPIDUM aus denselben Erhebungen ergänzt: 36 Prozent der Personen in Methadon-Behandlung konsumieren zusätzlich Kokain, mit dem Risiko von Herzrhythmusstörungen. Rund die Hälfte der Kokainkonsumierenden trinkt gleichzeitig Alkohol. Und obwohl Naloxon eine Opioid-Überdosis innert Minuten aufheben kann, hatten 62 Prozent der Opioidkonsumierenden kein Notfallkit, 29 Prozent wussten nicht einmal, dass es eines gibt.
Die vier riskantesten Muster
Infodrog hat im Januar 2026 ein Faktenblatt zu Medikamenten- und Mischkonsum veröffentlicht. Zusammen mit den französischen Daten ergeben sich vier Muster, die besonders oft in Notfällen und Todesfällen auftauchen.
| Kombination | Was im Körper passiert | Typische Folge |
|---|---|---|
| Dämpfer + Dämpfer: Opioide, Benzodiazepine, Alkohol, GHB/GBL, Ketamin, Pregabalin | Die Substanzen verstärken sich gegenseitig und drosseln das Atemzentrum. | Bewusstlosigkeit, Atemlähmung, Ersticken am Erbrochenen |
| Stimulans + Dämpfer: Kokain oder Amphetamin mit Alkohol, Methadon, Benzodiazepinen | Die Wirkungen überdecken sich, man spürt beide schwächer und dosiert nach. Lässt eine Substanz nach, schlägt die andere durch. | Verzögerte Überdosierung, Herzrhythmusstörungen, extreme Kreislaufbelastung |
| Stimulans + Stimulans: Kokain, MDMA, synthetische Cathinone, Methylphenidat | Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur steigen mehrfach. | Überhitzung, Herzinfarkt, Psychosen; im Chemsex oft mit GHB kombiniert |
| Medikamente + Alkohol bei Jugendlichen: Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, Hustensaft («Lean») | Legale Herkunft täuscht Sicherheit vor, Dosierungen werden vergessen. | Amnesie, Atemdepression, rasche Abhängigkeit |
Dämpfer plus Dämpfer
Das ist die Kombination, die am häufigsten tötet. Infodrog formuliert es unmissverständlich: Die Wechselwirkungen «können zur Bewusstlosigkeit und verlangsamter Atmung bis hin zu einer Atemlähmung und damit zum Tod führen». Besonders tückisch ist die Amnesie: Wer Benzodiazepine mit Alkohol kombiniert, vergisst, was er bereits genommen hat, und legt nach. Das BAG warnt in seinem Factsheet zu GHB vor derselben Dynamik: Die Spanne zwischen gewünschter und toxischer Dosis ist bei GHB ohnehin klein, mit Alkohol wird sie noch kleiner. Wie regelmässiger Ketaminkonsum wirkt, lesen Sie im Beitrag Ketamin: Warum der Konsum steigt.
Stimulans plus Dämpfer
Kokain und Alkohol ist die verbreitetste Form. Die Leber bildet dabei Cocaethylen, das länger wirkt als Kokain und das Herz stärker belastet. Dazu kommt der Maskierungseffekt: Das Kokain lässt den Alkoholpegel harmloser erscheinen, als er ist. Bei Methadon und Kokain warnt die ANSM ausdrücklich vor Herzrhythmusstörungen. Mehr dazu im Beitrag Kokain und Crack: Konsum steigt, Mischkonsum mit Alkohol.
Stimulans plus Stimulans
Wer MDMA mit Kokain oder Cathinonen kombiniert, erhöht die Belastung für Herz und Kreislauf mehrfach und riskiert eine Überhitzung. In der französischen Todesfallstatistik sind synthetische Cathinone 2024 an 28 Todesfällen beteiligt, mit 2-MMC und 3-MMC an der Spitze. Was diese Substanzen sind und warum ein Standardtest sie nicht findet, erklärt der Beitrag Mephedron, 3-MMC und synthetische Cathinone erkennen.
Medikamente plus Alkohol bei Jugendlichen
Die Schweizer Zahlen sind hier deutlich. In der HBSC-Studie 2022 gaben 5,1 Prozent der 15-jährigen Jungen und 8,8 Prozent der Mädchen an, Medikamente zusammen mit Alkohol konsumiert zu haben, um sich zu berauschen. 6 Prozent der Jungen hatten «Lean» oder «Purple Drank» probiert, einen Mix aus codeinhaltigem Hustensaft und Süssgetränk. In einer Zürcher Jugendbefragung hatten 10,3 Prozent der 9.-Klässler im letzten Jahr opioidhaltige Schmerzmittel konsumiert. Unter jungen Konsumierenden bis 18 Jahre hatten 30 Prozent der Frauen in den letzten 30 Tagen Benzodiazepine genommen. Der Beitrag Suchtverlagerung bei Drogenkonsum zeigt, wie aus einer Substanz die nächste wird.
Schweiz: 188 Drogentote und ein Nachtleben, das mischt
2024 starben in der Schweiz 188 Menschen an einer Drogenvergiftung oder Überdosis, 141 Männer und 47 Frauen. Seit dem Tiefstand von 121 im Jahr 2012 steigt die Zahl wieder. Die Mehrheit der Fälle geht laut Bundesamt für Statistik auf Heroin zurück, eine Aufschlüsselung nach Kombinationen wie in Frankreich gibt es nicht.
Was das Nachtleben betrifft, zeigt die Infodrog-Befragung 2025: 74 Prozent der befragten Partygänger betreiben Mischkonsum. Der Anteil ist gegenüber dem Höchststand leicht gesunken, steigt aber bei den 18- bis 24-Jährigen. Die Zahl der berichteten Überdosierungen nahm um 6 Prozentpunkte zu.
Ein Gegenmittel gibt es: Der Naloxon-Nasenspray Nyxoid, der eine Opioid-Überdosis aufheben kann, ist in der Schweiz seit 2018 zugelassen, aber rezeptpflichtig (Abgabekategorie B). Wer Opioide konsumiert oder Angehörige betreut, kann das Thema mit dem Hausarzt oder einer Suchtberatungsstelle besprechen.
Woran Angehörige Mischkonsum erkennen können
Mischkonsum ist schwerer zu erkennen als der Konsum einer einzelnen Substanz, weil sich die Wirkungen überlagern und die Anzeichen widersprüchlich wirken: hellwach und dann plötzlich weggetreten, gesprächig und dann erinnerungslos. Verräterisch sind eher die Spuren: leere Blister von Schlaf- oder Schmerzmitteln neben Alkohol, Hustensaftflaschen, kleine Beutel oder Tütchen, Erinnerungslücken nach dem Ausgang, Stürze und Verletzungen, die niemand erklären kann.
Wer Klarheit will, braucht einen Test, der mehrere Substanzklassen gleichzeitig abdeckt:
- Der Multitest für 10 Drogenarten prüft im Urin unter anderem Kokain, Opiate, Methadon, Benzodiazepine, Amphetamine, MDMA und Barbiturate. Er zeigt, welche Substanzen in den letzten Tagen konsumiert wurden, nicht, ob sie gleichzeitig genommen wurden.
- Der Speicheltest für 9 Drogenarten erfasst zusätzlich Buprenorphin und eignet sich für den Nachweis kürzlichen Konsums.
- Substanzen wie Ketamin, Pregabalin, Tramadol oder Zolpidem fehlen in den Multitests. Dafür gibt es einzelne Teststreifen.
- Die umfangreiche Haaranalyse auf Drogen und Medikamente deckt über 100 Substanzen ab, darunter Opioide, Benzodiazepine und Schlafmittel, und zeigt den Verlauf über Monate. Sie ist der richtige Weg, wenn es um regelmässigen oder länger zurückliegenden Mischkonsum geht. Die Analyse erfolgt im akkreditierten Partnerlabor, das den Befund verbindlich beurteilt. Die Haaranalyse Alkohol (EtG) dokumentiert den Alkoholkonsum im selben Zeitraum.
Ein Test liefert eine Information, keine Lösung. Was danach kommt, gehört in ein Gespräch, bei Bedarf mit einer Suchtberatungsstelle, online über safezone.ch, für Jugendliche über 147.ch.
Im Notfall
Wenn eine Person nach dem Konsum nicht mehr ansprechbar ist, langsam oder unregelmässig atmet oder blaue Lippen hat: sofort 144 anrufen, die Person in die stabile Seitenlage bringen und nicht allein lassen. Sagen Sie den Rettungskräften, welche Substanzen im Spiel waren, auch wenn es unangenehm ist. Bei einer Opioid-Überdosis kann Naloxon Leben retten, wenn es vorhanden ist. Infodrog rät Konsumierenden, Freunde über alle eingenommenen Substanzen zu informieren, damit diese im Notfall handeln können, und auf Mischkonsum mit dämpfenden Substanzen ganz zu verzichten.
Häufige Fragen
Welche Kombination ist am gefährlichsten?
Dämpfende Substanzen untereinander: Opioide, Benzodiazepine, Alkohol, GHB und Ketamin. Sie drosseln gemeinsam die Atmung und führen am häufigsten zu tödlichen Überdosierungen.
Ist Kokain mit Alkohol wirklich gefährlicher als Kokain allein?
Ja. Der Körper bildet Cocaethylen, das länger wirkt und das Herz stärker belastet. Zudem verdeckt Kokain die Alkoholwirkung, was zu höherem Konsum führt.
Zeigt ein Drogentest Mischkonsum an?
Ein Multitest zeigt, welche Substanzklassen in den letzten Tagen konsumiert wurden. Ob sie gleichzeitig genommen wurden, lässt sich daraus nicht ablesen. Eine Haaranalyse zeigt den Verlauf über Monate.
Wo bekommt man in der Schweiz Naloxon?
Der Naloxon-Nasenspray ist zugelassen, aber rezeptpflichtig. Hausärzte, Suchtmediziner und Suchtberatungsstellen sind die richtigen Ansprechpartner.
Verwandte Beiträge: Suchtverlagerung bei Drogenkonsum, MDMA und Ecstasy: Wirkung, Risiken und Prävention, K.-o.-Tropfen: Welche Substanzen wirklich eingesetzt werden, Nachweisdauer von Drogen.
Quellen
- ANSM / CEIP-A Grenoble: DRAMES – Principaux résultats 2024 (PDF, Juni 2026)
- ANSM / CEIP-A PACA Corse: OPPIDUM – Les faits marquants 2025 (PDF, August 2026)
- Infodrog: Faktenblatt Medikamente und Mischkonsum (PDF, Januar 2026); Kiffen, sniffen, spicken & Co. – Bericht 2026 (PDF)
- Bundesamt für Gesundheit / Obsan: Indikator Drogentote (MonAM), Datenstand Dezember 2025
- Bundesamt für Gesundheit: Factsheet GHB (PDF, Dezember 2025)
- Pergolizzi J. et al.: Cocaethylene: When Cocaine and Alcohol Are Taken Together, Cureus, 2022
- Compendium.ch: Nyxoid Nasenspray 1,8 mg; PharmaWiki: Naloxon-Nasenspray









































