Ketamin war lange ein Narkosemittel für Notfallmedizin und Tierärzte. Heute ist es die Substanz, die in Europas Abwasser am schnellsten zunimmt: plus 41 Prozent innerhalb eines Jahres. In Zürich liegen die Werte deutlich über dem Schweizer Durchschnitt, in Suchtkliniken tauchen Ketaminabhängige auf, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab. Gleichzeitig ist Ketamin die Droge, die ein üblicher Multitest nicht findet.
Dieser Beitrag fasst zusammen, was die neuen Daten aus Frankreich und der Schweiz zeigen, welche Folgen regelmässiger Konsum für Blase, Nase und Gedächtnis hat und wie sich Ketamin nachweisen lässt.
Was die französischen Daten zeigen: 226 Konsumierende, plus 35 Prozent
Die Erhebung OPPIDUM befragt jedes Jahr im Oktober Personen, die in Frankreich in Suchtberatungsstellen, Anlaufstellen, Spitälern und Gefängnissen betreut werden. 2025 nahmen 5’571 Personen aus 324 Einrichtungen teil. Die Ergebnisse gelten für diese Gruppe, nicht für die Gesamtbevölkerung. Gerade deshalb zeigen sie früh, welche Substanzen in Behandlung führen.
Beim Ketamin sind die Zahlen eindeutig:
- 226 Personen konsumierten Ketamin, 35 Prozent mehr als 2024. 2008 waren es noch 18.
- 56 Prozent konsumieren täglich oder wöchentlich, 43 Prozent geben eine Abhängigkeit an, 39 Prozent leiden beim Absetzen.
- 86 Prozent nehmen Ketamin nasal, also durch Schnupfen.
- 41 Personen nannten Ketamin als erste Substanz, die bei ihnen eine Abhängigkeit ausgelöst hat. 2023 waren es 13, 2024 30.
- Konsumkontext: 61 Prozent im Ausgang, 35 Prozent wegen einer Sucht, 21 Prozent zur Selbstmedikation, 3 Prozent im Chemsex.
Die ANSM warnt in demselben Bericht vor den Folgen regelmässigen Konsums: Schäden an Harnwegen und Nieren, an Leber und Gallenwegen sowie Perforationen der Nasenscheidewand. In der französischen Todesfallstatistik DRAMES waren Ketamin und verwandte Substanzen 2024 an 14 Todesfällen beteiligt, Tendenz steigend.
Und in der Schweiz? Das Abwasser lügt nicht
Die Eawag misst für den Bund seit Jahren Drogenrückstände in zehn Kläranlagen. Die Auswertung für das erste Halbjahr 2025 zeigt beim Ketamin einen deutlichen Anstieg. Zürich weist die höchsten Werte aus, klar über dem Schweizer Durchschnitt. Auffällig ist das Wochenmuster: Am Wochenende liegen die Werte erheblich höher als an Arbeitstagen, ein Hinweis auf Konsum in Clubs und an Raves. Laut Auswertung der EU-Drogenagentur EUDA liegen in der Schweiz Zürich, Genf, Basel, Neuenburg und Bern vorne.
Weitere Beobachtungen aus der Praxis:
- Das Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich analysierte 2024 so viele Proben wie nie zuvor (4’022) und meldet bei Ketamin steigende Einreichungen und Beratungsanfragen.
- Die Suchthilfe Region Basel misst beim Drug Checking Reinheitsgrade von 82 bis 100 Prozent. Der Preis pro Gramm ist von rund 80 auf 50 Franken gefallen. Ihre Einschätzung: Ketamin scheint MDMA als Partydroge abzulösen.
- Das Bundesamt für Polizei stellte im Jahr 2025 insgesamt 121 Kilogramm Ketamin sicher, oft im Reisegepäck an Flughäfen.
- Jonas Montagna, stellvertretender Chefarzt Psychiatrie am Zürcher Suchtzentrum Arud: «Vor acht Jahren hatten wir noch keine Ketamin-Abhängigen bei uns. Mittlerweile fallen sie auf.»
Ein Befund passt nicht ins Bild und gehört deshalb dazu: In der Befragung von Partygängern durch Infodrog sank der Anteil, der in den letzten 30 Tagen Ketamin konsumiert hat, von 20 Prozent (2024) auf 16 Prozent (2025). Beide Beobachtungen können zutreffen: Das Abwasser misst die konsumierte Gesamtmenge, die Befragung den Anteil der Personen. Wenn weniger Menschen mehr und öfter konsumieren, steigt die Menge, und genau das ist das Muster, das die OPPIDUM-Daten für Frankreich beschreiben.
Rechtlich unterliegt Ketamin in der Schweiz dem Betäubungsmittelgesetz und ist im Verzeichnis b der Betäubungsmittelverzeichnisverordnung (BetmVV-EDI) aufgeführt. Ausserhalb der ärztlichen Anwendung sind Besitz, Handel und Konsum strafbar. Was ein Eintrag im Strafregister bedeutet, lesen Sie im Beitrag Drogendelikte und Strafregister in der Schweiz.
Warum Ketamin unterschätzt wird
Ketamin wirkt in kleinen Dosen euphorisierend und leicht dissoziativ. Geschnupft setzt die Wirkung nach 5 bis 10 Minuten ein und hält je nach Dosis 45 Minuten bis 2 Stunden an. Das verleitet zum Nachlegen, und laut Saferparty können bereits geringe Dosisunterschiede erhebliche Wirkungsunterschiede auslösen. Bei höheren Dosen kommt es zum «K-Hole»: Die Person ist wach, aber vom eigenen Körper abgekoppelt, kann sich nicht bewegen und später nicht erinnern. Infodrog beschreibt zudem nahtodähnliche Erfahrungen, Albträume und bei chronischem Konsum psychotische Symptome. Die Toleranz entwickelt sich rasch, die Abhängigkeit ist vor allem psychisch.
Dazu kommt die Dosierung: Die Suchthilfe Basel warnt, dass sie «schwierig einzuschätzen» sei. Ein Reinheitsgrad von 100 Prozent bedeutet, dass die Linie, die gestern gepasst hat, heute zu stark sein kann, wenn die Ware von einer anderen Quelle stammt.
Die Ketamin-Blase: Der Schaden, der bleibt
Die folgenschwerste Nebenwirkung ist die ketaminassoziierte Uropathie, umgangssprachlich «Ketamin-Blase» oder «K-Bladder». Ketamin und seine Abbauprodukte reizen die Blasenschleimhaut, sie entzündet sich, vernarbt und verliert an Fassungsvermögen. Typische Anzeichen sind häufiger Harndrang, Brennen beim Wasserlösen, Schmerzen im Unterbauch und in schweren Fällen Blut im Urin. Ohne Konsumstopp kann der Schaden bis zu den Nieren aufsteigen.
Wie häufig das ist, zeigt eine Übersichtsarbeit im Journal of Clinical Psychiatry (2025): In einer Meta-Analyse von 37 Studien berichteten 44 bis 77 Prozent der regelmässig Konsumierenden über Beschwerden der unteren Harnwege, 8 bis 30 Prozent hatten Schäden an den oberen Harnwegen. Eine Online-Befragung fand bei 26,5 Prozent der Konsumierenden Harnwegssymptome innerhalb von zwölf Monaten. Eine niederländische Auswertung nennt als Schwelle etwa ein Gramm pro Tag über drei Monate. Die gute Nachricht aus derselben Arbeit: Bei drei von vier Betroffenen bessern sich die Beschwerden innerhalb von drei Monaten nach dem Konsumstopp deutlich. Jeder Fünfte brauchte allerdings einen chirurgischen Eingriff.
Weitere Folgen regelmässigen Konsums, die Infodrog und die ANSM beschreiben: Schäden an Leber und Gallenwegen, Perforation der Nasenscheidewand durch das Schnupfen sowie Störungen in Hirnregionen, die für Gedächtnis und Lernen zuständig sind.
Mischkonsum: Wo es gefährlich wird
Ketamin dämpft. In Kombination mit Alkohol, GHB/GBL, Benzodiazepinen oder Opioiden verstärken sich die Wirkungen gegenseitig. Saferparty und Infodrog warnen vor Atemstillstand und Bewusstlosigkeit sowie vor dem Risiko, am eigenen Erbrochenen zu ersticken, wenn eine Person im K-Hole nicht mehr reagieren kann. Das französische Register führt Ketamin 2024 zudem als eine der Substanzen, die bei Übergriffen mit K.-o.-Tropfen eingesetzt wurden (12 Nennungen), siehe K.-o.-Tropfen: Welche Substanzen wirklich eingesetzt werden. Mehr zu riskanten Kombinationen im Beitrag Mischkonsum: Welche Kombinationen besonders riskant sind.
Nachweis: Warum der Multitest Ketamin übersieht
Handelsübliche Multitests prüfen auf die klassischen Drogenklassen: Cannabis, Kokain, Opiate, Amphetamine, Benzodiazepine, Methadon. Ketamin gehört nicht dazu. Weder der Multitest für 10 Drogenarten noch der Speicheltest für 9 Drogenarten erfassen es. Wer bei Ketamin auf Nummer sicher gehen will, braucht einen spezifischen Test:
- Urin: Der Teststreifen für Ketamin (Sensitivität 1’000 ng/ml) zeigt Konsum der letzten ein bis fünf Tage an, je nach Häufigkeit. Details in unserer Übersicht zur Nachweisdauer von Drogen.
- Substanz: Der DrugCheck Ketamin prüft mit einer Farbreaktion, ob ein Pulver, eine Pille oder Kristalle Ketamin enthalten. Er misst keine Reinheit. Dafür gibt es die kostenlosen Drug-Checking-Angebote in Zürich, Bern, Basel, Biel, Luzern, Genf und Lausanne, siehe Drug-Check in der Schweiz.
- Haar: Die Haaranalyse Ketamin erfasst Ketamin und den Metaboliten Norketamin über Monate, abhängig von der Haarlänge. Sie ist der richtige Weg, wenn es um zurückliegenden oder regelmässigen Konsum geht. Die Analyse erfolgt im akkreditierten Partnerlabor mit LC-MS/MS; verbindlich beurteilt wird der Befund durch das Labor.
Woran Angehörige einen Ketaminkonsum erkennen können
Kein einzelnes Zeichen ist beweisend, aber mehrere zusammen sind ein Grund, hinzuschauen: häufige Toilettengänge und Klagen über Blasenbeschwerden bei jungen Menschen ohne Infekt, wunde oder verstopfte Nase, kurze Phasen von Abwesenheit oder Torkeln im Ausgang, Erinnerungslücken, kleine Beutel mit weissem Pulver oder Kristallen. Ein Test liefert eine Antwort auf die Frage «ob», nicht auf die Frage «warum». Das Gespräch mit einer Suchtberatungsstelle bleibt der wichtigere Schritt, zum Beispiel über safezone.ch.
Häufige Fragen
Ist Ketamin in der Schweiz legal?
Nein. Ketamin ist im Verzeichnis b der BetmVV-EDI aufgeführt. Ausserhalb der medizinischen Anwendung sind Besitz, Handel und Konsum nach Betäubungsmittelgesetz strafbar.
Zeigt ein normaler Drogen-Multitest Ketamin an?
Nein. Die gängigen 5er- und 10er-Multitests und die Speicheltests enthalten kein Ketamin-Feld. Es braucht einen spezifischen Ketamin-Teststreifen oder eine Haaranalyse.
Wie lange ist Ketamin nachweisbar?
Im Urin je nach Konsumhäufigkeit etwa ein bis fünf Tage, im Haar über Monate.
Sind die Blasenschäden umkehrbar?
Häufig ja, wenn der Konsum früh gestoppt wird. Bei drei von vier Betroffenen bessern sich die Beschwerden innerhalb von drei Monaten. Bei fortgeschrittenen Schäden kann eine Operation nötig sein.
Verwandte Beiträge: Drug-Check in der Schweiz, MDMA und Ecstasy: Wirkung, Risiken und Prävention, Mephedron, 3-MMC und synthetische Cathinone erkennen, Nachweisdauer von Drogen.
Quellen
- ANSM / CEIP-A PACA Corse: OPPIDUM – Les faits marquants 2025 (PDF, August 2026)
- ANSM / CEIP-A Grenoble: DRAMES – Principaux résultats 2024 (PDF, Juni 2026)
- EUDA: Europe’s wastewater tells a new story: sharp drop in MDMA, but ketamine and cocaine climb (2026)
- SRF: Drogen im Abwasser: In der Schweiz steigt der Konsum von Ketamin (Eawag-Daten, Februar 2026)
- Blick: Ketamin als Partydroge boomt im Schweizer Nachtleben (August 2026)
- Swissinfo: Zürcher Drogen-Teststelle analysiert so viele Substanzen wie nie (Mai 2025)
- Infodrog: Ketamin; Kiffen, sniffen, spicken & Co. – Bericht 2026 (PDF); Faktenblatt Medikamente und Mischkonsum (PDF, Januar 2026)
- Saferparty (Stadt Zürich): Ketamin
- Andrade C.: Ketamine-Associated Uropathy During Therapeutic and Nontherapeutic Use, Journal of Clinical Psychiatry, 2025






































